Interview

Energiewende vor Ort gemeinsam gestalten

Nachhaltigkeit betrifft viele Bereiche unseres täglichen Handelns. Sie zeigt sich in der Entwicklung unserer Infrastruktur, in wirtschaftlichen Entscheidungen, in neuen Technologien, in der Zusammenarbeit mit der Stadt und nicht zuletzt in der Weiterentwicklung unseres Unternehmens. Im Gespräch geben Oberbürgermeister Tobias Kascha, Geschäftsführer Steffen Meinecke sowie die Prokuristen Francois Kindler und Jan Schütz Einblicke in aktuelle Entwicklungen, gemeinsame Aufgaben und die Herausforderungen der kommenden Jahre.

Die Versorgung und Energiewende finden vor Ort statt. Welche Bedeutung haben sie für die nachhaltige Entwicklung der Stadt Wernigerode in Hinsicht auf die gesamte Versorgung?

Tobias Kascha:

Viele Projekte, über die wir heute sprechen, sind in Wernigerode längst nicht mehr abstrakt. Gemeinsam mit den Stadtwerken wurden bereits in den vergangenen Jahren wichtige Vorhaben angestoßen und umgesetzt. Dadurch wird sehr konkret sichtbar, welche Bedeutung eine nachhaltige Entwicklung für unsere Stadt hat.

Dabei geht es nicht nur um einzelne Projekte. Nachhaltigkeit spielt auch bei der Haushaltsentwicklung, im Konsolidierungskonzept oder im verantwortungsvollen Umgang mit den Ergebnissen unserer kommunalen Unternehmen eine Rolle. Für mich ist das deshalb ein sehr umfassendes Thema, das bei vielen Entscheidungen mitgedacht werden muss. Als Kommune wollen wir hier weiterhin eine aktive Rolle übernehmen.

Welche Rolle spielt die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Stadtwerken bei der Umsetzung dieser Themen?

Tobais Kascha:

Diese Zusammenarbeit ist für viele unserer gemeinsamen Themen entscheidend. Die Stadt bringt die kommunale und strategische Perspektive ein, während die Stadtwerke mit ihrer fachlichen und technischen Kompetenz einen wesentlichen Teil der Umsetzung übernehmen. Das funktioniert nur gemeinsam.

Ein gutes Beispiel ist die kommunale Wärmeplanung. Hier müssen Stadt und Stadtwerke eng zusammenarbeiten, damit aus strategischen Überlegungen konkrete und tragfähige Lösungen entstehen können. Das gilt für große Vorhaben genauso wie für kleinere Projekte, die wir gemeinsam planen und umsetzen.

Der Transformationsplan beschreibt den Weg für den weiteren Ausbau der Fernwärmeversorgung. Welche Meilensteine konnten die Stadtwerke bereits erreichen?

Steffen Meinecke:

Dieser Prozess läuft bei uns bereits seit vielen Jahren sehr kontinuierlich. Wir haben die dezentrale Stromerzeugung vor Ort weiterentwickelt und die Fernwärmeversorgung über viele Jahre ausgebaut. Heute versorgen wir bereits einen bedeutenden Teil der Stadt mit Fernwärme.

Der Transformationsplan gibt dem Ausbau und der Dekarbonisierung der Fernwärme nun einen langfristigen Rahmen. Eine der zentralen Aufgaben wird es sein, unsere Fernwärme Schritt für Schritt auf neue und zunehmend klimafreundliche Erzeugungsformen umzustellen. Dabei sprechen wir bewusst von einem langen Prozess. Solche Veränderungen lassen sich nicht kurzfristig umsetzen. Wichtig ist, dass wir die einzelnen Schritte gut vorbereiten und technisch wie wirtschaftlich sinnvoll gestalten. Parallel dazu und in Verbindung mit der kommunalen Wärmeplanung ist es absolut notwendig unser gesamtes Stromnetz grundlegend zu modernisieren.

Welche technischen Veränderungen stehen hinter der Transformation unserer Energieversorgung?

Francois Kindler:

Die technischen Anforderungen verändern sich derzeit in vielen Bereichen gleichzeitig. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf dem weiteren Ausbau unserer Stromnetze. Dazu gehört insbesondere die Weiterentwicklung des Mittelspannungsnetzes, die für die kommenden Jahre eine wichtige Rolle spielt.

Darüber hinaus werden Speichertechnologien zunehmend relevant. Großbatteriespeicher können im Strombereich künftig eine wichtige Funktion übernehmen, ebenso Wärmespeicher für die Wärmeversorgung. Gleichzeitig gewinnen Digitalisierung und auch künstliche Intelligenz für technische Prozesse an Bedeutung.

Bei all diesen Entwicklungen müssen wir die gesetzlichen Vorgaben und die Anforderungen anderer Netzbetreiber berücksichtigen. Gerade im Bereich der Kraft-Wärme-Kopplung bestehen teilweise noch unklare Rahmenbedingungen. Technische Planung findet deshalb immer auch im Zusammenhang mit politischen und regulatorischen Vorgaben statt.

Welche Investitionen stehen in den kommenden Jahren im Mittelpunkt?

Jan Schütz:

Investitionen betreffen für uns längst nicht mehr ausschließlich Netze und technische Anlagen. Ein wichtiger Bereich ist die Entwicklung unserer Mitarbeitenden. Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen werden weiter an Bedeutung gewinnen, weil sich Aufgaben, Prozesse und Berufsbilder verändern.

Gleichzeitig arbeiten wir an der Entwicklung neuer Geschäftsbereiche und an der Weiterentwicklung unserer Handelsaktivitäten. Auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern unsere internen Abläufe. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Entwicklung einer App, mit der wir unseren Kundinnen und Kunden eine zusätzliche digitale Servicelösung anbieten wollen. Entscheidend ist dabei immer, dass neue Lösungen sinnvoll in unsere bestehenden Prozesse integriert werden.

Welche Bedeutung haben kommunale Stadtwerke für das Gelingen der Energiewende?

Steffen Meinecke:

Unser Gesellschaftszweck beschreibt bereits sehr deutlich, welche Verantwortung wir tragen. Wir sind dafür da, die Menschen und Unternehmen in unserer Region verlässlich zu versorgen. Deshalb haben kommunale Stadtwerke für die Umsetzung der Energiewende vor Ort eine grundlegende Bedeutung.

Gleichzeitig können wir viele Entwicklungen nicht allein steuern. Genehmigungsverfahren, verfügbare Flächen, Förderbedingungen und regulatorische Vorgaben setzen einen engen Rahmen. In manchen Bereichen sind wir deshalb weniger Taktgeber als vielmehr von äußeren Entscheidungen abhängig.

Wenn die Energiewende vor Ort gelingen soll, brauchen kommunale Stadtwerke verlässliche politische Rahmenbedingungen und geeignete Fördermöglichkeiten. Wir haben die Strukturen, das Know-how und die Nähe zur Region. Deshalb stellt sich für mich ganz klar die Frage: Wer, wenn nicht wir, sollte diese Aufgabe umsetzen?

Warum ist die kommunale Wärmeplanung unter anderem ein wichtiger Baustein für die Zukunft der Stadt?

Tobias Kascha:

Die kommunale Wärmeplanung schafft vor allem Orientierung und Planungssicherheit. Das ist für Bürgerinnen und Bürger genauso wichtig wie für Unternehmen, Investoren und die Kommune selbst.

Wer langfristige Entscheidungen treffen muss, braucht eine belastbare Grundlage. Gleichzeitig kann eine gut abgestimmte Wärmeplanung dazu beitragen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Investitionen sinnvoll zu steuern. Deshalb ist es wichtig, dieses Thema strategisch zu betrachten und gemeinsam mit den Stadtwerken weiterzuentwickeln.

Welche Rolle spielt der Ausbau der Fernwärme für die zukünftige Wärmeversorgung?

Francois Kindler:

Mit dem bisherigen Ausbau der Fernwärmeversorgung wurden aus technischer Sicht wichtige und richtige Entscheidungen getroffen. Die vorhandene Infrastruktur bildet eine gute Grundlage für die weitere Entwicklung der Wärmeversorgung.

Gleichzeitig müssen wir die politischen und technischen Grenzen berücksichtigen. Nicht jedes Gebiet kann sinnvoll an ein Wärmenetz angeschlossen werden und nicht jede Lösung ist an jedem Standort technisch oder wirtschaftlich umsetzbar. Trotzdem bleibt die Fernwärme ein wichtiger Baustein, weil sich über ein gemeinsames Netz unterschiedliche Erzeugungsformen integrieren lassen.

Wie verändert die Transformation das Unternehmen auch organisatorisch?

Jan Schütz:

Eine der großen Aufgaben besteht darin, die bestehende Arbeitswelt mit neuen Prozessen zu verbinden. Unsere Kundinnen und Kunden erwarten zu Recht, dass ein Vorgang unabhängig davon funktioniert, ob er persönlich, telefonisch oder digital angestoßen wird. Diese verschiedenen Wege müssen im Hintergrund zusammenpassen.

Gleichzeitig werden die Aufgaben komplexer. Themen lassen sich immer weniger klar einzelnen Abteilungen zuordnen. Dadurch wird die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen wichtiger. Wir müssen Prozesse stärker miteinander verzahnen und Wissen innerhalb des Unternehmens besser zusammenführen.

Welche Bedeutung haben Digitalisierung und intelligente Prozesse für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadtwerke?

Jan Schütz:

Digitalisierung ist für uns vor allem dann sinnvoll, wenn sie Prozesse einfacher, schneller und durchgängiger macht. Deshalb haben wir ein Digitalisierungsteam aufgebaut, das sich mit einer übergreifenden Strategie für das Unternehmen beschäftigt.

Zusätzlich gibt es eine interne KI-Gruppe, die bestehende Prozesse untersucht und prüft, an welchen Stellen künstliche Intelligenz sinnvoll eingesetzt werden kann. Mit der digitalen Netzakte haben wir bereits einen wichtigen Schritt umgesetzt. Entscheidend ist nun, dass Daten und Systeme möglichst durchgängig miteinander arbeiten können. Diese digitale Durchlässigkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, langfristig effizienter zu arbeiten.

Warum werden intelligente Stromnetze künftig immer wichtiger und auf welchem Stand befinden sich die Stadtwerke Wernigerode?

Francois Kindler:

Die Anforderungen an unsere Stromnetze verändern sich deutlich. Strom wird zunehmend dezentral erzeugt und gleichzeitig kommen neue Verbraucher und Technologien hinzu. Um diese Entwicklungen sicher beherrschen zu können, müssen wir den konkreten Zustand unserer genauer kennen und flexibler steuern können.

Intelligente Netze helfen uns dabei, Zustände besser zu erfassen und auf Veränderungen schneller zu reagieren. Dadurch werden die Netze belastbarer und können neue Technologien besser integrieren. Diese Entwicklung erfolgt Schritt für Schritt und ist eng mit dem weiteren Ausbau und der Digitalisierung unserer Netzinfrastruktur verbunden.

Wie gelingt es, Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz miteinander zu verbinden?

Steffen Meinecke:

Wir müssen diese drei Punkte immer gemeinsam betrachten. Moderne Technologien und effizientere Prozesse können uns dabei helfen, neue Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig wirtschaftlich zu arbeiten.

Wichtig ist aus meiner Sicht aber auch, die regionale Entscheidungsfähigkeit wieder stärker zu berücksichtigen. Wir kennen unsere Netze, unsere Kundinnen und Kunden und die Bedingungen vor Ort. Dieses Wissen muss bei zukünftigen Entscheidungen eine größere Rolle spielen.

Gleichzeitig müssen bürokratische Hürden abgebaut werden. Wenn Stadtwerke ihre Aufgaben zuverlässig erfüllen und gleichzeitig die Transformation voranbringen sollen, brauchen sie dafür klare Rahmenbedingungen und ausreichend Handlungsspielraum.

Wie gelingt es, erneuerbare Energien sicher in das bestehende Netz zu integrieren?

Francois Kindler:

Im Vergleich zu anderen Netzbetreibern haben wir derzeit noch keine außergewöhnlich hohen Einspeisemengen. Trotzdem müssen wir uns frühzeitig auf steigende Anforderungen vorbereiten.

Wir entwickeln deshalb unsere Netze Schritt für Schritt weiter und nutzen die vorhandenen Ressourcen so sinnvoll wie möglich. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von Netzausbau, Digitalisierung und intelligenter Steuerung. Nur wenn diese Bereiche gemeinsam entwickelt werden, lassen sich zusätzliche Erzeugungsanlagen sicher in das bestehende Netz integrieren.

Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden auch in Hinsicht auf die Implementierung von KI bei der Umsetzung der Energiewende und der Transformation des Unternehmens?

Jan Schütz:

Unsere Mitarbeitenden spielen dabei eine zentrale Rolle. Viele Tätigkeiten werden vielfältiger und Berufsbilder verändern sich. Künstliche Intelligenz soll dabei nicht als Bedrohung verstanden werden und auch keine Arbeitsplätze ersetzen.

Im Gegenteil, sie kann dabei helfen, wiederkehrende Aufgaben zu vereinfachen und dadurch Freiräume zu schaffen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich dann stärker auf Aufgaben konzentrieren, bei denen Erfahrung, Fachwissen und persönliche Entscheidungen gefragt sind.

Wichtig ist, dass wir diesen Wandel gemeinsam gestalten. Dazu gehören Schulungen, ein offener Umgang mit neuen Technologien und die Bereitschaft, bestehende Arbeitsweisen weiterzuentwickeln.

Wie sehen Sie die Stadtwerke Wernigerode in zehn Jahren und welche Herausforderungen liegen auf dem Weg?

Steffen Meinecke:

Ich sehe auch in zehn Jahren ein stabiles und verlässliches Unternehmen. Die Stadtwerke sind mit ihrem Auftrag für Wernigerode unverzichtbar.

Gleichzeitig wird sich das Unternehmen weiter verändern. Wir werden jünger, digitaler und viele Tätigkeiten werden sich weiterentwickeln. Der Transformationsplan sowie die kommunale Wärmeplanung werden umgesetzt und gleichzeitig kontinuierlich fortgeschrieben werden müssen.

Die Energiewirtschaft wird auch in Zukunft von Veränderungen geprägt sein. Unsere Aufgabe besteht darin, darauf vorbereitet zu sein, neue Entwicklungen aufzunehmen und gleichzeitig unsere grundlegende Verantwortung für eine sichere Versorgung zuverlässig zu erfüllen.

Steffen Meinecke 
Geschäftsführer der Stadtwerke Wernigerode

Interview mit der Künstlichen Intelligenz

Was ist Potenzial der Digitalisierung für kommunale Unternehmen wie die Stadtwerke Wernigerode?

Digitale Technologien bieten Stadtwerken die Möglichkeit, ihre Versorgungsprozesse effizienter, transparenter und bürgernäher zu gestalten. Gleichzeitig stärken sie die Resilienz gegenüber externen Einflüssen.

Wo liegen die größten Chancen durch den digitalen Wandel in der Energiebranche?

In der Integration dezentraler Erzeugung, der Automatisierung von Netzprozessen und der Optimierung von Energieflüssen durch datenbasierte Steuerungssysteme.

Welche Rolle spielen Daten im Kontext moderner Stadtwerke?

Daten ermöglichen fundierte Entscheidungen, präzise Prognosen und ein schnelleres Reagieren auf sich verändernde Rahmenbedingungen – sowohl im Netzbetrieb als auch im Kundenservice.

Wie kann Künstliche Intelligenz die Stadtwerke konkret unterstützen?

KI kann bei der Verbrauchsprognose, Störungsanalyse, Optimierung von Wartungsintervallen oder im Kundenservice mittels Chatbots eingesetzt werden.

Wo liegen derzeit noch Grenzen der Digitalisierung?

Grenzen bestehen aktuell in fehlenden Standards, begrenzter Datenverfügbarkeit, Datenschutzauflagen und teilweise auch im Zugang zu Fördermitteln und Infrastruktur.

Welche Voraussetzungen müssen für den erfolgreichen Einsatz digitaler Lösungen erfüllt sein?

Ein strategischer Rahmen, hohe Datenqualität, interoperable Systeme sowie das Vertrauen und die Mitwirkung der Mitarbeitenden und Kunden.

Wie verändert Digitalisierung die Erwartungen der Kunden?

Kunden erwarten heute schnelle, einfache, transparente und mobile Lösungen – bei gleichzeitiger Sicherheit und Datenschutz.

Welche Entwicklungen werden die Energieversorgung der Zukunft maßgeblich prägen?

Der Ausbau intelligenter Netze, sektorenübergreifende Steuerung (Strom, Wärme, Mobilität) sowie automatisierte Kundenlösungen auf Basis von Echtzeitdaten.

Welche Empfehlungen tragen zum Erfolg der digitalen Transformation von Stadtwerken bei?

Frühzeitig eine klare Digitalstrategie entwickeln, Mitarbeitende einbeziehen, Prozesse schrittweise umstellen und in skalierbare Systeme investieren.

Wie verändert KI die Rolle des Menschen in Stadtwerken?

KI ergänzt menschliche Arbeit, indem sie Routineprozesse übernimmt. Die menschliche Rolle verschiebt sich stärker in Richtung Kontrolle, Interpretation und Gestaltung.